
Als Lisei Luftvogel 1971 im Ruhrgebiet geboren wurde, stand Westeuropa mitten in einer kulturellen Revolution. Ihre antagonistische Kindheit in den siebziger Jahren hat ihr Leben geprägt, Vielfältige Erfahrungen beeinflussten ihre Sicht auf die Welt nachhaltig. Bereits als Kind erkundete sie Europa und verbrachte mit zehn Jahren ein halbes Jahr in einem VW-Bus, mit dem sie quer durch Italien reiste, was ihre Liebe zu Sprachen und Kulturen weckte.
Ihre erste Fremdsprache war Italienisch, gefolgt von Englisch, Französisch, Latein und Russisch, die sie während ihrer Schulzeit in Deutschland lernte. Nach dem Abitur zog Lisei nach Perugia, wo sie Philosophie, Anthropologie und Akkadisch (Babylonisch und Assyrisch) studierte. Im Sommer arbeitete sie auf Künstlermärkten, als Straßenmusikerin (Akkordeon) oder als Postbotin.
Ihre Leidenschaft für Bewegung und Körperbewusstsein führte sie später zu einer Feldenkrais-Ausbildung in Mailand und Venedig. Zudem studierte sie an der Universität Venedig Arabisch und Jiddisch, um ihre kulturellen und sprachlichen Kenntnisse zu erweitern. Anfang der 2000er bereiste sie mehrfach Syrien und den Libanon und vertiefte ihr Arabisch in Damaskus.
Die linke Alternativszene ihrer Eltern, die sich intensiv mit den Themen Gewalt und ideologischen Konflikten auseinandersetzte, prägte Liseis Interesse an politischen und sozialen Fragen. Ab den 2000er Jahren vertiefte sie sich in Autobiografien sowie sozial- und kulturwissenschaftliche Forschungen zu Geheimdiensten, Kriegen, Ideologien und deren Auswirkungen. Diese Recherchen, gepaart mit ihren persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen, flossen in ihre literarische Arbeit ein.
Liseis multikultureller Hintergrund und ihre familiären Wurzeln spiegeln die komplexen ethnischen und religiösen Identitäten Europas wider. Ihre Großeltern stammten aus unterschiedlichen religiösen und ethnischen Traditionen, was Liseis eigene Identität als Europäerin und „Bastard im positiven Sinne“ formte.
Ihre Reisen nach Israel und ins Westjordanland sowie ihre Kontakte zu israelischen und palästinensischen Friedensaktivistinnen in Italien erweiterten ihr Verständnis der Konflikte im Nahen Osten. Lisei sieht sich als Beobachterin, die ihre vielfältigen Eindrücke und Erlebnisse zu einem Mosaik zusammenfügt, ohne zu urteilen.
Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit hat Lisei an der Jahreszeitschrift für Ästhetik „Davar“ mit Artikeln über Walter Benjamin, Rainer Maria Rilke und Matsuo Basho mitgewirkt. Seit über zwanzig Jahren lebt sie in Ferrara, wo sie als Deutsch- und Feldenkrais-Lehrerin arbeitet. 2021 absolvierte sie einen Kurs für kreatives Schreiben bei der Textmanufaktur, der den Grundstein für ihren Roman „Anti“ legte, der im Mai 2023 veröffentlicht wurde.
Mit „Der Doppel-Schreier“ verbindet Lisei Luftvogel ihre umfassenden Kenntnisse und persönlichen Erfahrungen zu einem faszinierenden literarischen Werk, das die Leser in die vielschichtigen kulturellen und politischen Konflikte des Nahen Ostens entführt.