Das Bergdorf

Sie parkten den Bulli am Eingang des Bergdorfes, wo sie von einem Mann abgeholt wurden. Zum Haus mussten sie laufen.
„Camminare“, sagte der kleine, dünne Herr mit den lachenden Augen und klopfte Leora auf die Schulter. Thea und Joachim luden die Koffer aus. Leora bekam einen schweren Rucksack auf den Rücken, und Arne bestand darauf, einen großen gelben Koffer zu tragen, der fast größer war als er selbst. Doch kaum hatte er ihn in den Händen, nahm der Mann ihm den Koffer ohne ein Wort ab. Arne ließ es geschehen und nahm stattdessen den Esskorb, den ihm Thea reichte.
Die alte Gasse war kühl und roch nach feuchtem Stein. Ein Hund bellte in der Ferne. Eine alte Frau, die ihre Blumen auf der Straße goss, rief ihnen ein freundliches „Buona sera“ zu. Sie zwickte Arne in die Wange. „Bel bambino!“, rief sie ihm nach. Arne wischte sich über die Wange.


Vor einer alten Holztür zog der Mann einen großen Schlüssel aus der Tasche und schloss auf. Das Haus war schmal und hoch. Noch nie hatte Leora so schmale Häuser gesehen. Der Mann schaltete das Licht an.
„Prego“, sagte er und trat zur Seite.
Die Wände leuchteten weiß.
„Piccobello“, rief Arne und bekam seinen Mund nicht mehr zu. Nun wurde er auch von dem kleinen Mann gezwickt.
„Prego“, sagte er noch einmal und führte sie in den ersten Stock zum Wohnzimmer und weiter in den zweiten, wo das Bad und die Schlafzimmer lagen. Das Kinderzimmer war so eng, dass gerade einmal ein Doppelbett hineinpasste.
„Ich schlaf oben!“, rief Arne sofort. Leora zuckte mit den Schultern.
Im Bad entdeckten sie ein seltsames niedriges Waschbecken.
„Bidet“, erklärte der Mann.
„Was macht man mit einem Bidet?“, fragte Leora skeptisch.
Joachim beugte sich zu ihr. „Man wäschst sich den Popo“, flüsterte er.
Leora runzelte die Stirn. Also war das hier ein feines Haus. Weiße Wände und ein extra Waschbecken nur für den Popo!


Als der Mann gegangen war und sie wieder unten in der Küche standen, rief Joachim Arne und Leora zu sich.
„Die weißen Wände sind ein Problem“, mahnte er. „Sie müssen so bleiben. Keine Nutella, keine Erde, keine Farbe. Selbst mit frisch gewaschenen Händen. Fasst die Wände auf keinen Fall an!“
Denn sollte etwas passieren, sei ein Neuanstrich nötig. Und der wäre teurer als ein neuer Auspuff für den VW-Bus. So teuer, dass sie jahrelang nicht mehr in den Urlaub fahren könnten.
Leora erstarrte. Wie sollte sie es schaffen, nichts zu berühren. Selbst die Sofas und der Fußboden waren strahlend weiß.
„Wie sollten die Sofas mit Handtüchern abdecken“, meinte Thea und lief ins Badezimmer.
Die anfängliche Begeisterung über das schmale, hohe Haus war verflogen. Die Treppen durften nicht als Klettergerüst benutzt werden und das Sofa war eine noch größere Gefahr, die man besser mied.
Leora kramte in ihrer Tasche, um Buntstifte zu suchen.


Da klopfte es an der Tür. Joachim öffnete. Eine Gruppe Kinder stand draußen. Sie stellten eine Frage, die weder er noch Leora oder Arne verstanden. Die Kinder gestikulierten wild, winkten sie heraus.
Leora und Arne ließen sich nicht zweimal bitten.
Das Ferienhaus gefiel ihnen ohnehin nicht mehr.

Der Platz war voller Leben. Jemand hatte einen Kassettenrekorder mitgebracht. „Disco!“, rief ein Junge begeistert. Über ihnen zog eine Frau mit einer langen Schnur Wäsche von einem Haus zum anderen.
Die Musik wurde aufgedreht. Berry White, Adriano Celentano, Pink Floyd.
Die Kinder tanzten, klatschten, riefen „bravo!“ und „brava!“. Sie zogen Leora und Arne in ihre Mitte, wirbelten um sie herum.
Es wurde dunkel und die Kinder mussten nach Hause. Aber später, nach den Essen, sollten sie zur Kirche kommen.
Aufgeregt rannten Leora und Arne zurück. Beim Abendbrot erzählten sie von der Disko und der Kirche.
„Geht ruhig alleine,“ sagte Thea.
„Hier ist es ungefährlich“, bestätigte Joachim.
So liefen sie in der Dunkelheit zur Kirche. Zu Hause hätten keine zehn Pferde sie dorthin bekommen, aber hier war alles anders.
Dichter Weihrauchnebel lag in der Luft. Kerzen flackerten. Die ersten Dorfbewohner tauchten auf. Dann füllte sich die Kirche. Die Menschen sangen melodische Lieder, ihre Stimmen verschmolzen und hallten nach, hoch oben in der Kuppel. Ganz vorne, neben dem Priester, standen zwei Kinder, die sie vom Tanzen kannten. Jetzt trugen sie feierliche Gewänder.

Am nächsten Tag standen die Kinder mit Fahrrädern vor der Tür. Leora und Arne zogen mit ihnen los. Die Kinder rasten einen steilen Hang hinunter, bremsten abrupt, dass die Reifen quietschten.
Leora war an der Reihe. Sie setzte sich auf das Rad. Doch als sie hinunterraste, stellte sie panisch fest, dass es keine Rücktrittbremse hatte. Das Fahrrad wurde immer schneller.
„Frena!“, riefen die Kinder. „Frena!“
Leora verstand nicht, sie suchte nach der Bremse.
Dann kam der Stacheldrahtzaun.
Nicht weinen, befahl sie sich, Fassung bewahren.
Die Kinder rannten zu ihr. Sie lächelte ihnen zu. Fassung.
Lachen, bevor die anderen lachen. Aber niemand lachte.
Ein Mädchen schlug die Hände vors Gesicht.
„Madonna“.
Andere streichelten sie vorsichtig, halfen ihr auf.
Ihre Beine brannten. Blut lief an ihnen herunter.

An der Tür empfing Thea sie. Sie legte Leora auf den Küchentisch.
Die Kinder warteten draußen. Joachim holte das Verbandzeug aus dem Auto.
Nach der Behandlung betrachtete Leora sich im Spiegel. Sie sah verwegen aus.
Am Nachmittag klingelten die Kinder wieder. Sie setzten sich mit ihr vor die Tür. Zwei Kinder hielten ihre Hände. Gemeinsam sangen sie italienische Lieder.
Jetzt wusste Leora es.
Sie würde auswandern, sobald sie alt genug war.