Man braucht wirklich viel Ruhe, innerliche Ruhe. Manchmal würde ich am liebsten mit dem Kopf gegen die Wand rennen, oder raus auf die Straße und ganz laut schreien. Dann sage ich mir immer, bleib ruhig. Ruhig. Denk nicht an das Ende. Schritt für Schritt, denk ans Jetzt. Denk daran, ruhig zu bleiben und dich nicht zu viel zu ärgern. Sonst würde ich schreien. Draußen am Po, so sieht man im Fernsehen, kontrolliert Militär und Polizei mit Dronen nach Menschen, die dort vielleicht grillen. Niemand ist dort. Immer wieder zeigen sie Szenen vom Strand in der Romagna, wo es Einzelne bis ans Wasser wagen. Doch mit Drohnen, Hubschraubern und Range Rovers werden alle Einzelgänger aufgefunden. Sie werden gejagt wie Verbrecher. Am Montag dürfen wir raus. Aber nicht an den Strand. Die Parks sind hier weiter geschlossen. Außer zwei winzigen mit verschließbaren Eingängen. Die Stadtmauer bleibt geschlossen und auch unser großer Stadtpark. Ich werde an den Po fahren, mit dem Fahrrad. Man darf nur allein raus. Mit dem Auto darf man nur Einkaufen oder zum Arzt. Es wird sich nicht viel ändern. Aber wir dürfen raus, alleine, nicht zu zweit. Es wird weiter kontrolliert und wir müssen weiter eine Autocertificazione mit uns herumragen. Die Strafen scheinen ein Sport der Polizei geworden zu sein. Überall, wo die Gesetze interpretiebar sind, und das ist an vielen Stellen so, da wirds gefährlich. Ich hoffe, sie werden bald diese verdammten Kontrollen abschaffen und auch die Autocertificazione.
Kategorie: Allgemein
Sperrzone Tag 48
Es geht wieder den Bach runter. Gestern Nacht hat Conte die neuen Regeln durchgegeben. Für den vierten Mai. Für die Phase zwei. Eigentlich dachte ich, seien wir schon in der Phase zwei, jetzt höre ich die Phase zwei fängt am vierten Mai an, aber eigentlich sei es nur eine Phase anderthalb, sagen die Journalisten.
Wut. Unruhe. Unzufriedenheit. Gestern Mittag wurde von Bewegungsfreiheit und von der Öffnung der Region gesprochen. Dann sagte der Minister von Emilia Romagna, dass man aber noch nicht ans Meer dürfe. Also fahren wir in die Berge, dachte ich mir. Einen schönen langen Spaziergang auf der Via degli Dei oder der Via Francigena. Nein.
Heute morgen erfahre ich durch die Posts vieler wütender Freunde, dass wir immer noch nicht raus dürfen. Nur eine kleine Freiheit ist uns gegeben: wir dürfen uns außerhalb der 200 Meter, der 500 Meter bewegen. Vielleicht. VIELLEICHT öffnen sie die Stadtmauer. Die einzige Freiheit. Ein kleiner Trost. Wir dürfen immer noch nicht zu zweit raus, müssen weiter so tun, als würden wir uns nicht kennen. Und wir dürfen nur Verwandte treffen. Ich habe keinen Verwandten, auch mein Mann nicht. Nur eine alte Tante, die er lieber nicht besuchen geht. Warum dürfen wir uns nicht selbst aussuchen, wen wir sehen wollen. Die unverheirateten Paare, die nicht zusammen wohnen, sind außer sich. Auch sie dürfen sich nicht treffen. Die Schwulen- und Lesbengruppen rufen zum Bruch der Regeln auf, wenn sie nicht geändert werden sollten. Wir wollen keine KKK Kinder Küche Kirche. Wenn die Parks geöffnet werden, darf man nur laufen, nicht spielen. Und die Kinder. Sollen sie bis September eingesperrt bleiben, bis Schulen und Kindergärten aufgemacht werden. Die Leute ärgern sich, aber ducken sich weiter. Wer weiß wie lange noch. Oder werden die Regeln angepasst? Zu viele Regeln in Italien, sagt man. Die vielen Regeln leiten dazu an, sie zu durchbrechen. Weitere Strafzettel und weitere Kontrollen in Sicht. Wie lange noch?
Sperrzone Tag 47
REVOLUTION. So könnte man diesen Tag nennen, auch wenn es eigentlich eine lächerliche Revolution ist. Das Befreiungsgefühl ist umso größer. Heute waren wir, mein Mann und ich, wieder an der Stadtmauer. Wir müssen immer noch so tun, als würden wir uns nicht kennen. Denn man darf nur alleine raus. Immer noch weiß niemand, wie weit man gehen darf. In der angrenzenden Region Veneto waren es 200 Meter, aber die sind aufgehoben worden. In Ferrara ist nie eine genaue Angabe gemacht worden. Die Leute glauben, sie GLAUBEN, es seien 200 Meter. Warum, verstehe ich nicht. Da es im Friuli 500 Meter sind und in Turin 1000 Meter. Der Glaube hat keine Logik. Immer das Kleinste nehmen. Die Polizei macht schon bei 350 Metern Strafzettel. Ich laufe meine 500 Meter. Warscheinlich viele andere auch. Aber nun kommt die Revolution: auf dem Weg unter der Stadtmauer bleiben die Leute stehen, und reden miteinander, alle in 10 Meter Abstand. Plötzlich läuft niemand mehr, es sieht aus, wie eine menschliche Reihe, in der sich jeder mit jedem in der Nähe unterhält. Eine Bekannte meines Mannes, eine Lehrerin in Rente, ist vor ein paar Tagen von den Militärs für zwanzig Minuten festgehalten worden, mit vier anderen, erzählt sie. Sie mussten eine Autocertificazione ausfüllen, in der sie bestätigen sollten, in der Nähe zu wohnen. Ich erinnere mich an den Morgen. Ich hatte den Militärlaster gesehen und mich gewundert, warum dort so viele Leute standen. Ich bin lieber in die entgegenliegende Richtung gelaufen. Später hatten sie mich trotzdem aufgehalten und mich gefragt, wo ich wohnte. Sie hatten mich gleich gehen lassen. Diese Peinigungen machen mich wütend. Die Leute sind an der Grenze des Aushaltbaren angelangt. Mein Mann und ich gehen weiter. Später treffen wir die Lehrin auf einem Stein, sie macht eine Pause. Auf zwei andere Steinen sitzten zwei andere ältere Frauen und reden. Ein vierter chick gekleidedeter Herr gesellt sich zu ihnen. Die Revolution. Dann hören wir einen Hubschrauber über uns.
Sperrzone Tag 45
Heute fühlt sich das Leben ein bisschen besser an. Vielleicht nur ein Schein. Es ist heiß draußen, fast ein Frühsommertag, Ende April. Es regnet nie. Am Morgen treffe ich mich mit anderen Feldenkraislehrern und wir machen zusammen eine Lektion. Ich atme besser. Danach fahre ich einkaufen, mit dem Auto. Auf dem Weg denke ich mir, wie es sich wohl anfühlen wird, wenn wir wieder aus der Stadtgrenze herausfahren dürfen. Ich stelle mir den Fluss Po vor, sieben Kilometer entfernt, oder Bondeno, der Ort, in dem ich bis zum Erdbeben 2012 gelebt habe. Bondeno liegt 20 Kilometer entfernt. Mehr will ich mir nicht vorstellen. Es reicht mir, um eine Vorfreude zu spüren. Vielleicht werden am 4.Mai die Parks geöffnet. Ob man aus der Stadt herraus darf ist noch nicht klar. Vielleicht. Aus der Provinz, wahrscheinlich nicht. Die Provinz Ferrara hat sogar Meer. Das Meer… il mare… Ich möchte auch die Delphine sehen, die immer wieder gefilmt werden, bevor wieder alles verschmutzt wird.
Wenn es möglich wäre innerhalb der Region zu reisen, könnte ich sogar in die Appeninen fahren. Im Wald wandern. La via degli dei. Der Götterpfad von Bologna nach Florenz. Auf der Spitze umkehren. Es ist warm draußen.
Sperrzone Tag 42
Es wird immer härter. Polizei und Militär gehen über ihre Grenzen. Sie bestimmen willkürlich, wen sie bestrafen. Jeden Tag sind es 10-15.000 pro Tag, denen 400 Euro Bussgeld aufgebrummt werden. Man darf sich nur in der Nähe der Wohnung bewegen. Jetzt darf man zwar „spazieren“ dazu sagen, aber nirgends in den staatlichen Anordnungen steht, was genau in der Nähe der Wohnung ist? In Venetien wurden 200 m angegeben, in Turin 1000 m, in einem Ort hier in der Nähe von Ferrara 500 m. Doch die Polizei oder das Militär bestrafen schon willkürlich Leute ab 200 Metern, auch wenn in Ferrara nie eine Angabe der Entfernung gemacht wurde. Ich lese von einem verängstigten alten Mann, der mit seinem Hund 350 Meter von seiner Wohnung entfernt, in einem Pinienwald gefasst worden ist, von einem anderen, 500 Meter von zu Hause, auf einem Feld erwischt, umzingelt wie ein Verbrecher, oder einer Frau, die auf einer uneingezäunten Wiese stand, was auch verboten ist. Man liest von gefangenen einsamen Joggern am Strand, von Leuten, die mit Dronen auf Feldern erwischt werden. Das Militär fährt tagtäglich bei uns durch die Straßen, um auf die nächsten Opfer zu lauern. Wenn sie wollen, fahren sie langsam an einem vorbei, um Angst einzuflößen. Mancher wird auch bestraft, wenn er zu wenig einkauft, oder wenn man zu zweit im Auto sitzt, obwohl es laut der staatlichen Anordnungen erlaubt ist. Immer mehr Leute klagen über diese Willkür, aber der Polizei wird kein Einhalt geboten. Die unklaren Regeln lassen diesen Freiraum offen. Vielleicht wird es für all die ungerechten Strafen eine Amnestie geben. Trotzdem ist es unangenehm tagtäglich seine halbe Stunde Ausgang mit diesem Gefühl der Bewachung zu verbinden. Der Spaziergang soll den Stress lindern, aber die Überwachung ist auch unötiger Stress. Vielleicht werden am 4. Mai die Ausgangsperren herabgesetzt, aber in welchen Maßen, weiß niemand. Es kann auch sein, dass wir noch weitere zwei Wochen warten werden müssen. Vielleicht dürfen wir dann einen Kilometer vor die Haustür, und nur mit App? Wird die App Plicht sein oder freiwillig. Wer keine App benutzt, darf nicht raus, wird gemunkelt. Was für eine Freiwilligkeit ist das, frage ich mich. Oder ist das nur wieder so ein Gerücht? Ein anderes Gerücht, was mich besonders wütend macht, man dürfe diesen Sommer nur in Lidos, in denen man Eintritt bezahlt und nicht an die freien Strände. Wird uns verboten werden, in die Wildnis zu gehen? Ein Absurdum, da dort wo niemand ist, auch keine Viren sind, sicher viel weniger als in diesen Lidos mit Bezahlung, in die ich noch nie gegangen bin. Ich hoffe, es werden Gerüchte sein. Dieser Staat fühlt sich im Moment an wie 1984, the big brother is watching you.

Sperrzone Tag 37
Ich schreibe jetzt nicht mehr jeden Tag. Am Dienstag (Tag 35) hat die Phase zwei begonnen. Die Phase zwei ist für die meisten noch härter als die Phase eins. Die Bevölkerung darf immer noch nicht raus. Mindestens bis zum dritten Mai, vielleicht auch noch länger nicht. Depression, Nichtstun, keine Zunkunftsaussichten, die Ersparrnisse, die sich tilgen. 600 Euro vom Staat, die immer noch nicht angekommen sind. Die Kleinen werden es nicht schaffen. Italien hat wenig Geld. Wenn es keine Reichensteuer geben wird, wird es hier zum Jammertal werden. Wann ich mein Studio wieder aufmachen darf, ist fraghaft. Derweil bezahle ich aber weiter Miete, keine Unterstützung, außer 600 Euro. Einmalig, bis jetzt. Die Frage wird auch sein, wenn ich wieder öffnen darf, aber die Kinos, Universitäten und Theater noch geschlossen sind, wo lasse ich dann meine Werbung? Ich habe immer Plakate aufgehängt, kleine Karten an kulturellen Einrichtungen hinterlassen. Wer wird noch zu mir kommen? Kann ich dann überhaupt noch die Miete bezahlen? So wird es Vielen gehen. Bis jetzt sind es dunkle Aussichten hier in Italien. Erst kommt die Industrie, dann kommen die großen Einrichtungen. Wir werden die letzten sein.
Dire gelt, oy oy oy oy… ein jiddisches Lied. (Miete, oi, oi, oi oi).
(You Tube Video entfernt)
Sperrzone Tag 34
Ich fühle mich wieder müde und schlapp. Gestern waren es fast dreißig Grad. Heute ist es schwül. Ich gehe wieder eine halbe Stunde spazieren, aber nach dem Mittagessen lege ich mich hin. Kraftlos.
Sperrzone Tag 33
Wieder so ein Tag. Es ist Ostern. Die Glocken läuten die ganze Zeit. Auf der Straße fahren überhaupt keine Autos mehr. Noch weniger Leute als gewöhnlich sind unterwegs. Unsere Nachbarn von unten haben sich im Restaurant ein Fischmenue bestellt. Sie haben sich fein gekleidet und und im Garten wie zu einer Hochzeit gedeckt. Es ist das erste Mal nach vierzig Tagen, dass unsere giftige Nachbarin von oben in den Garten kommt. Natürlich erst, nachdem wir gegangen sind. Ihr Mann ist vorausgegangen mit einer Flasche Bier und zwei Gläsern. Die Nachbarin bleibt zehn Minuten, dann geht sie wieder in ihre Wohnung. Am Abend drehen wir ein Musikvideo. Wieder schlafen wir nach dem Abendessen auf dem Sofa ein.
Sperrzone Tag 32
Heute war wieder so ein Tag, an dem ich mich frage, was ich gemacht habe. Morgens habe ich im Bett gelegen, dann war ich eine halbe Stunde spazieren. Bis am Nachmittag habe ich mit meinem Mann im Garten gesessen, Boccia und Backgammon gespielt. Am Abend haben wir gekocht und sind zusammen auf dem Sofa eingeschlafen. So vergehen die Tage. Vielleicht werden wir wie Hauskatzen.
Sperrzone Tag 31
18849 Tote, 30455 Gesunde, 3951 neue Fälle. Warum werden die Leute bei uns nicht gesund? Warum gibt es in Spanien und in Deutschland mehr Gesunde als in Italien. 55668 in Spanien, 52407 in Deutschland. Es bleibt mir ein Rätsel. Die Zahlen der Kranken in der Intensivstation haben abgenommen. Warum werden die Leute nicht gesund?
Wieder versprüht meine Nachbarin Gift im Garten, ich gehe auf die Straße, um sie nicht aushalten zu müssen. Als mein Mann nach Hause kommt, gehen wir Orangen kaufen.
Auf dem Weg dorthin sehe ich einen alten Mann auf einer Parkbank. Ein seltsamer Anblick. Vielleicht wird er dort gelassen, oder niemand bemerkt ihn. Der Rasen im Park ist gemäht worden, aber niemand darf ihn betreten. Ich wünsche mir immer wieder, ans Meer zu dürfen, oder einfach nur drei Kilomter zu Fuß raus, aufs Land. Wie schön es wäre. Wie es sich wohl anfühlen wird, wenn es wieder möglich ist? Heute lese ich, dass es noch lange dauern wird. Ich hoffe, wir werden nicht alle verrückt geworden sein. Ich lese von alten Menschen, die sich in ihrer Wohnung umbringen, weil sie die Isolation nicht mehr aushalten.