Remember…

Rezension von Michael Blum

Mit ihrem Erstling „Anti“ ist Lisei Luftvogel ein kleines Wunder gelungen – sie hat mich auf etwas über 100 Seiten für Stunden in eine lang zurückliegende Zeit zurückversetzt – in meine Kindheit mit starren, autoritären Schul- und Familiensystemen, gegen die ich erst später rebelliert habe… die Hauptfigur Maja hingegen bereits in jungen Jahren. Aus Majas Perspektive heraus durfte ich miterleben, was es heißt in einer Kommune mit wechselnden Mitbewohnern und Partnern groß zu werden, die Kindheit in einem Gegenentwurf zur klassischen Kleinfamilie zu durchleben, wo die goße Freiheit immer auch an der Grenze zur Vernachlässigung verortet ist; wo sich studentisches Leben und Protestkultur neben Arbeiterschaft und bürgerlichen Werten ereignen. Und das Ganze angesiedelt im Ruhrpott, in Essen-Katernberg… ein Stadtteil, den es gleichnamig auch in Wuppertal gibt. Ich durfte miterleben, welche Bedeutung Freundschaft hat und wie wichtig es war, einer Gruppe zuzugehören, um ‚Feinde‘ (die aus der anderen Straße o.ä.) abzuwehren. Lisei Luftvogel geht es in „Anti“ nicht um eine stringente Handlung, vielmehr zeichnet sie das Bild einer vergangenen Zeit und ihre Protagonist:innen wären heute wohl diejenigen, die sich langsam auf die nachberufliche Phase zubewegen und sich dann fragen werden, wo sie denn geblieben ist, die Zeit. Auch ich als Babyboomer frage mich das oft – und „Anti“ hat es geschafft, mir die fast schon vergessene Zeit zurückzuholen. Danke dafür! Unbedingte Leseempfehlung!!!

Prämiere-Lesung am Po

Hallo liebe Leute, das ist die erste Lesung meines Debütromans Anti. Meine erste Lesung überhaupt. Ich habe mein Bestes gegeben. Ich wohne seit über dreißig Jahren in Italien und die letzten zwanzig hat es mich hier in die Po-Region verschlagen. Ja, ich weiß, meinen Ruhrgebietsakzent hört man selbst nach all den Jahren noch heraus. Gerne würde ich auch in Deutschland lesen, interessante Fragen beantworten, diskutieren. Ich werde weitere Videos drehen. Ich würde mich über Fragen oder Anmerkungen zu meinem Roman oder auch zu dem Video freuen. Im nächsten Video würde ich dann die Fragen beantworten und auf Anmerkungen eingehen.

Schöne Grüße vom Po, Lisei Luftvogel

P.S. Als ich mit meinen Eltern das erste Mal im Bulli nach Italien reiste, wir kamen gerade die Berge herunter in die Ebene und fuhren über eine Brücke, da sagte mein Vater: „Kinder, das ist der Po.“ Mein Bruder und ich brüllten los vor Lachen und versteckten dabei unsere Gesichter in die Kissen.

Bald ist es soweit. Am ersten Mai erscheint „Anti“

Hier schon einmal eine Leseprobe

Daten zum Buch:

  • Lisei Luftvogel, Anti
  • Tredition Verlag
  • Hardcover
  • 118 Seiten
  • 20 Euro
  • Erscheinungsdatum 1.Mai 2023
  • ISBN 978-3-347-87791-7

Mit Kreativität die Angst überwinden

Ausflug in eine Kindheit – Rezension

von Birgit Spaeth.

Kinder haben nicht selten ein geradezu brutales Alltagsleben. „Anti“, das Erstlingswerk von Lisei Luftvogel berichtet aber nicht von Gewalt gegen Kinder, sondern vielmehr zwischen ihnen. In fein beobachteten Miniaturen erzählt die Autorin aus Kindersicht von den Bewährungskämpfen auf dem Schulhof,  auf der Straße, im Hort und – ja – auch in der Familie. Die besteht hier allerdings nicht aus Vater, Mutter, Kindern, sondern aus wechselnden mehr oder weniger großen Wohngemeinschaften. „Anti“ steht für antibürgerlich – und das sind fast alle Figuren des Romans, so etwa der etwas ältere Beschützer der Schulanfängerin und Protagonistin Maja, ein Romajunge, die antiautoritären Erzieherinnen und Erzieher im Hort, die Antifa-Eltern sowie fast deren gesamtes soziales Umfeld.

Atemlos eilt dieser kurze Roman durch zwei Jahre Kinderleben. Ohne erzählerischen Abstand zu halten, reißt die Autorin eine Fülle von erlebten kleinen und kleinsten, aber auch größeren Ereignissen an. Sie schöpft aus einer sprudelnden Quelle von wichtigen Themen, die zum „Großwerden“ gehören: die kreativen Spiele und Kämpfe drinnen und draußen, Ängste im Umgang mit Autoritäten sowie den Phantasien, sie beherrschbar zu machen, erwachende und verebbende Freundschaften, kindliche Sexualität, Glaube und der frühe Beginn politischen Denkens. In der Auseinandersetzung scheint immer wieder die Frage auf: Bin ich ok – so anti, wie ich bin? Beim Lesen bleibt kaum Zeit zum Innehalten. Der Erzählfluss ist so mitreißend, dass man sich eine Fortsetzung wünscht.


Die Autorin Lisei Luftvogel wurde 1971 in Essen geboren. Sie lebt und arbeitet heute in Ferrara (Italien) als Deutsch- und Feldenkrais-Lehrerin. 2021 absolvierte sie einen Kurs für kreatives Schreiben bei der Textmanufaktur, in dem die Idee für diesen Erstlingsroman entstand.

Daten zum Buch:
Lisei Luftvogel: Anti
Tredition Publishing
Hardcover
120 Seiten
20 Euro
Erscheinungsdatum 1.Mai 2023
ISBN 978-3-347-87791-7

Von Pommes, Bier und Wellensittichen

Nachdem wir in der Küche unsere Pommes aus den Pappschälchen verdrückt hatten, Dieter mit Currywurst, ich rot- weiß, sortierte ich meine Schultüte. Die Überraschungseier legte ich nach ganz oben, damit sie nicht zerquetscht wurden. Dieter öffnete die zweite Stauderflasche. Das letzte Mal in der Kneipe hatte ich sieben Gläser gezählt. Dieter meinte, nach einer gewissen Menge Bier würde er so seltsam reden wie unser Wellensittich. Mit oder ohne Sprechperlen, wollte ich wissen. Mit Sprechperlen natürlich. In die Schultüte passte wirklich alles hinein. Ich band die Schleife an dem Krepppapier zusammen. Die Schleife wurde ein Knoten. Unzufrieden zupfte ich daran herum. „Gib schon her“, sagte Dieter. Zum Glück war er noch nicht zum Wellensittich geworden. Yogi saß aufgeplustert auf der Stuhllehne, seine Augen geschlossen. „Bring den Vogel mal ins Bett“, sagte Dieter, „und du solltest auch gleich.“
„Er schläft doch schon.“
„Bei dem Licht kann keiner schlafen, der tut nur so.“
Ich stellte die Tüte am Eingang ab und holte meine
Schultasche, das Etui und den Malblock. Dora hatte die Stifte im Etui ausgetauscht. Ich roch an den Buntstiften. Lecker. Ich schloss es wieder und legte es in die Schultasche. „Wir hatten früher nur Griffelkästen und nicht so schöne Stifte“, sagte Dieter. Er war bei Flasche drei.
Ich fixierte meinen Vater. „Woran erkenne ich, dass du komisch wirst?“
Er zuckte mit den Schultern. „Morgen beginnt der Ernst des Lebens. Da musst du ausgeschlafen sein.“
Jetzt hörte er sich wirklich seltsam an, aber nicht wie Yogi, wenn er lustig auf meinem Finger hüpfte, an ihm knusperte und vor sich hinbrabbelte. Ich stellte mir Dieter als Wellensittich vor, mit einem weichen blauen Federbauch und musste lachen.
Aus: Lisei Luftvogel, Anti, 120 Seiten, Erscheinungsdatum erster Mai

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WIR

WIR, so fing mein Lesekurs an. Das erste Wort. Wir sei wichtiger als ich, erklärte mir Dora. Drei magische Zeichen. Den Papierbogen mit den großen in Schreibschrift geschriebenen Buchstaben zeichnete ich mit dem Finger nach. W I R stand für das Leben in der Gemeinschaft. Wir, das war nicht nur unsere Familie, es waren auch die Kinder aus der Gruppe Drei, die Studenten, die Freunde. Alle Menschen, mit denen wir in Beziehung gerieten. Das Wir war solidarisch. Ein mächtiges Wort. Wir als Gruppewaren stark, ich als einzelne verloren. Ich malte mit meinen Filzstiften das Wir-Gefühl, meinen Bruder Jo, Aljoscha und Nicole, andere Kinder aus der Gruppe drei, die Mitarbeiterinnen, Dora und Dieter, ihre Freunde, Kommilitonen aus der Uni, den Mann von der Pommesbude, die Frau von der Kasse bei Plus, den Getränke- und Zeitungshändler mit der dicken Hornbrille.

Der Kurzroman „Anti“ erscheint am ersten Mai bei Tredition.

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    Anti, Roman

    Bald wird mein erster Roman erscheinen. Er spielt im Ruhrgebiet der siebziger Jahre, genauer gesagt in Katernberg. Wollt ihr mit auf Majas Abenteuer gehen? Dann macht Euch bereit.

    „We don’t need no education. We don’t need no thought control. No dark sarcasm in the classroom. Teacher, leave them kids alone.“ (Pink Floyd)

    • Auflage: 1
    • ISBN: 978-3-347-87791-7
    • Veröffentlichungsdatum: 01.05.2023
    • Von Lisei Luftvogel
    • Sprache: Deutsch
    • Buchtyp: Hardcover
    • Seiten: 120

    Ruhrgebiet, siebziger Jahre. Anti ist ein wichtiges Wort für die Ich-Erzählerin Maja, Anti wie antiautoritär, wie Anti-Atomkraft oder wie Antifaschisten. Der Roman handelt von ihrer Kindheit. Sie erlebt eine Welt voller Widersprüche, Schikanen und zu überwindender Hürden: Mobbing in der Schule und auf der Straße, das Fortleben von Krieg und Faschismus in Zeitungen und aufgeschnappten Gesprächsfetzen. Auf der anderen Seite der alternative Lebensentwurf ihrer Eltern Dora und Dieter, die gegen patriarchale Gesellschaftsstrukturen aufbegehren und in einer offenen Beziehung leben, mal getrennt und mal zusammen. Maja identifiziert sich mit diesem nonkonformistischen Modell und verteidigt ihre Ansichten gegen die herrschende Meinung, gegen ihre Lehrerin und gegen die anderen Kinder und Erwachsenen. Sie leidet aber auch unter dem Außenseiterdasein und erlebt es als Gewalt. Dieselbe Gewalt, die auch die Gastarbeiterkinder ertragen müssen.

    Die Erzählung setzt ein, als Dora vor kurzem mit Majas kleinem Bruder Jo in eine Kommune nach Bochum gezogen ist. Zuhause in der Sozialwohnung ist Maja mit Dieter zurückgeblieben. Der antiautoritäre Kinderhort ist Majas zweites Zuhause und besonders im Villenviertel so verrufen wie eine Banditenkneipe. Im Hort „drucken“ die Kinder ihr Geld selbst und imitieren eine Zentralbank. Dabei parodieren sie den Kapitalismus, ohne es zu verstehen oder auch nur zu beabsichtigen.

    Als die Gewalt auf der Straße unerträglich wird, beschließen Maja und Aljoscha, dass sie sich wehren müssen. Sie fassen einen Plan und führen ihn gegen die Widerstände der Erwachsenen durch.