Am 20.10. werde ich in Hamburg mal wieder aus meinem Debütroman „Anti“ lesen, wo es um eine antiautoritäre Kindheit in den Siebziger Jahren im Ruhrpott geht. Der kurze Roman ist aus der Sicht der sieben bis zehn jährigen Maja geschrieben, die in vier verschiedenen Welten zurechtkommen muss.
Ich bedanke mich ganz herzlich bei Christine Sterly-Paulsen für die Einladung zum „Abend Literatur und Film zum Thema Kinderrechte“
Ort: Café Why Not, Daimlerstr. 38, 22763 Hamburg
Zeit: 20.10.2024 um 19 Uhr
Einstieg: Zwei Kurzfilme zum Thema von DREH DEINEN FILM! e.V., „Systemfehler“ und „Das Kinderparlament“
Es lesen: Christine Sterly-Paulsen aus „Gegenliebe“ (2021), dystopischer Roman einer Welt, in der Kinder verboten sind
Gabriel Bornstein aus dem noch unveröffentlichten Roman „Roter Teppich“, Geschichte einer Kindheit auf St. Pauli
Gastautorin Lisei Luftvogel aus Ferrara liest aus dem Roman „Anti“ (2023), eine antiautoritäre Kindheit in den siebziger Jahren im Ruhrgebiet
Themenreich, intensiv, einnehmend. Ich bin froh, dieses Highlight durch eine Leserunde kennengelernt zu haben.
Zara erfährt zufällig, dass ihr Vater Reinhard 1985 gar nicht bei einem Motoradunfall in Indien gestorben ist. Gleich einer Schnitzeljagd führt die Spur 2008 von Pisa und Berlin zunächst nach Damaskus, wo sich der Kriegsreporter aufhalten soll, und weiter nach Aleppo und Beirut. Im Nahen Osten trifft Zara immer wieder auf hilfreiche Menschen, mit denen sie in die Sprache und Kultur eintaucht. Gleichzeitig stellt sie sich Gerüchten und Halbwahrheiten über die Vergangenheit ihres Vaters: War er Kriegsreporter oder sogar in bewaffnete Konflikte verstrickt?
Der „Der Doppel-Schreier“ behandelt vielfältige Themen wie Liebe, Freundschaft und Familie, aber auch Generationskonflikte, kulturelle Missverständnisse, ideologische Blendungen und deren Folgen.
Der Titel des Buches wiederholt sich im Cover, auf dem das gleichnamige Bild von Paul Klee abgebildet ist, und dessen Thema – auch im übertragenen Sinn – sich durch das gesamte Buch zieht. Die Roadstory besteht aus vier Teilen, an deren Anfang immer ein Bild oder der Ausschnitt einer Landkarte bei der Orientierung hilft. Der Schreibstil ist bildhaft und voller Leben; man meint sogar die Hitze und die Gerüche der labyrinthischen Altstädte Syriens beim Lesen selbst zu spüren.
Auch Zara und die anderen Charaktere sind sehr lebensecht gezeichnet und es fällt meist leicht, ihr Verhalten zu verstehen und ihr Tun nachzuvollziehen. Doch es sind nicht nur diese intensiven Beschreibungen, die das Buch so faszinierend machen. Zaras Reise besteht auch nicht nur aus einer tatsächlichen Bewegung von A nach B. Es geht vor allem auch um die Erarbeitung von politischen Konstellationen und Konflikten des Nahen Ostens, auch um die kulturellen Unterschiede und Besonderheiten, sowie um die Kunst des Orients; eigentlich allgemein um die Konfrontation mit anderen Kulturen und die verschiedenen Wertvorstellungen, darunter auch um die Stellung der Frau. Die Autorin wirft immer wieder auch philosophische Fragen auf, die Zara in den Gesprächen mit ihren Freunden vertieft, deren Beantwortung aber großteils bei den Lesern und ihren Gedanken darüber bleiben. Das Buch ist daher sicher keine Lektüre, die man einfach so nebenher lesen kann – oder überhaupt möchte, denn das Interesse daran entsteht wie von selbst durch eine Art Sogwirkung, die von der Geschichte auszugehen scheint.
Und diese Geschichte verdient es daher, sich als Leser ausgiebig damit zu beschäftigen. Die vielfältigen Themen, die eingestreuten Musiktitel, die man Dank heutiger Technik sehr gut parallel beim Lesen mithören kann, die politischen Gegebenheiten der Gegenwart – oder eigentlich des Jahres 2008, in dem diese Reise erfolgte – deren Wurzeln in den Erinnerungen an Zaras Kindheit erläutert werden und nicht zuletzt Zaras ganz persönliche Geschichte – all diese Aspekte machen den Roman zu einem außergewöhnlichen und absolut lesenswertem Buch, das man sicherlich gerne auch öfter lesen möchte.
Eine fesselnde Geschichte über Familiengeheimnisse, ideologische Blendungen, Freundschaft und Liebe
Erscheinungsdatum: 25.Juni 2024
„Die Entstellung wird sich selbst aufheben,
indem sie sich bis in die Erlösung hinein durchsetzt.
Diese Achsenverschiebung in der Erlösung
manifestiert sich darin, dass sie Spiel wird.“
(Walter Benjamin, Kafka-Essay)
Reinhard ist 1985 bei einem Motoradunfall in Indien umgekommen. Wurde Zara damals erzählt. Doch nun erfährt sie durch Zufall, dass nur die Lederjacke begraben wurde, ihr Vater lebt und sich im Nahen Osten aufhält. Kurz bevor er verschwand, stritten ihre Eltern über die Palästinenserfrage. Da hatte Reinhard als Kriegsreporter schon einige Jahre über den Palästinenserkonflikt berichtet. Zara muss herauszufinden, was wirklich geschah. Doch ihre Mutter und die Berliner Freunde des Vaters halten dicht. Sie entschließt sich, nach Damaskus zu fliegen, um Reinhards Spuren zu folgen.
In „Der Doppel-Schreier“ geht es nicht nur um Liebe, Freundschaft und Familienbande, sondern auch um Generationskonflikte, kulturelle Missverständnisse, ideologische Blendungen und deren Folgen.
Kinder haben nicht selten ein geradezu brutales Alltagsleben. „Anti“, das Erstlingswerk von Lisei Luftvogel berichtet aber nicht von Gewalt gegen Kinder, sondern vielmehr zwischen ihnen. In fein beobachteten Miniaturen erzählt die Autorin aus Kindersicht von den Bewährungskämpfen auf dem Schulhof, auf der Straße, im Hort und – ja – auch in der Familie. Die besteht hier allerdings nicht aus Vater, Mutter, Kindern, sondern aus wechselnden mehr oder weniger großen Wohngemeinschaften. „Anti“ steht für antibürgerlich – und das sind fast alle Figuren des Romans, so etwa der etwas ältere Beschützer der Schulanfängerin und Protagonistin Maja, ein Romajunge, die antiautoritären Erzieherinnen und Erzieher im Hort, die Antifa-Eltern sowie fast deren gesamtes soziales Umfeld.
Atemlos eilt dieser kurze Roman durch zwei Jahre Kinderleben. Ohne erzählerischen Abstand zu halten, reißt die Autorin eine Fülle von erlebten kleinen und kleinsten, aber auch größeren Ereignissen an. Sie schöpft aus einer sprudelnden Quelle von wichtigen Themen, die zum „Großwerden“ gehören: die kreativen Spiele und Kämpfe drinnen und draußen, Ängste im Umgang mit Autoritäten sowie den Phantasien, sie beherrschbar zu machen, erwachende und verebbende Freundschaften, kindliche Sexualität, Glaube und der frühe Beginn politischen Denkens. In der Auseinandersetzung scheint immer wieder die Frage auf: Bin ich ok – so anti, wie ich bin? Beim Lesen bleibt kaum Zeit zum Innehalten. Der Erzählfluss ist so mitreißend, dass man sich eine Fortsetzung wünscht.
Die Autorin Lisei Luftvogel wurde 1971 in Essen geboren. Sie lebt und arbeitet heute in Ferrara (Italien) als Deutsch- und Feldenkrais-Lehrerin. 2021 absolvierte sie einen Kurs für kreatives Schreiben bei der Textmanufaktur, in dem die Idee für diesen Erstlingsroman entstand.
Daten zum Buch: Lisei Luftvogel: Anti Tredition Publishing Hardcover 120 Seiten 20 Euro Erscheinungsdatum 1.Mai 2023 ISBN 978-3-347-87791-7