Parallelwelten

„Johannes hat recht, lass uns in eine Bar gehen“, wandte Ruth ein.

„Ich gehe jetzt in keine Bar und ihr bleibt hier! Wovor habt ihr denn Angst, vor Jesus? Bei dem Wetter kommt hier sowieso keiner rein. Draußen ist alles voller Schlamm.“

Ruth atmete laut. „Kannst du dich erinnern, als ich dir an der Beerdigung erklären wollte, dass er in einer anderen Ebene lebt?“

„In einer anderen Ebene? Das hat sich nach religiösem Zeugs angehört. Mein Gott! Buddhistische Reinkarnation oder so. Er war doch in Tibet gewesen.“ Zara blickte zu Johannes. „Und von einer bescheuerten Versuchskatze hat sie mir auch erzählt, eine, die zugleich lebt und tot ist.“

„Schrödinger“, sagte Ruth.

Johannes stand in der jetzt von Licht durchfluteten Pforte. „Schrödinger?“, fragte er halblaut.

„Ja genau, Schrödinger. Weißt du Ruth, wie lange ich mir damit den Kopf zerbrochen habe. Diese Geschichte der anderen Ebene. Wieso sollte Syrien eine andere Ebene sein, oder Indien?“

„Weil es Ebenen gab, von denen man besser nichts wusste. Mitwissen ist nicht immer ungefährlich. Reinhard war da in was reingerutscht. Ich wollte damit nichts zu tun haben und musste dich schützen.“

Johannes nickte. „Ich bin nach dem Massaker von Sabra und Schatila aus der Kriegsreportage ausgestiegen. Das hat mich fertig gemacht. Die Albträume haben mich geplagt. Manchmal habe ich immer noch welche. Es hat ewig gedauert, bis ich wieder ein normales Leben führen konnte.“

Zara sah zum angeleuchteten Johannes. „Was hat das mit den Ebenen und gefährlichem Mitwissen zu tun?“

„Das versteht man nur, wenn man es selbst miterlebt. Ich wollte da nicht weiter reinrutschen.“

aus: Lisei Luftvogel, Der Doppel-Schreier, Roman