Heimweh oder Fernweh

Habt ihr eher Heimweh oder eher Fernweh? Ein Thema meines neuen Romans, der 1990 spielt und vom Auswandern handelt. Fremd sein, nicht die Sprache verstehen, aber auch Abenteuer. Hier ein kleiner denkwürdiger Auszug des Aufbruchs:

Eine laute sizilianische Familie stieg ein und breitete sich im Abteil aus. Die alte Frau, vielleicht die Oma, packte ein Abendessen auf einer Picknickdecke aus, verteilte es an zwei Mädchen, einen Mann und eine Frau, beide Mitte dreißig.

Sie luden Leora zum Essen ein. Für die gesamte Reise bis Florenz gehörte sie nun zu ihrer Familie. Sie schenkte den Mädchen jeweils ein Überraschungsei, zog Wolle aus ihrem Rucksack und flocht ihnen bunte Haarsträhnen.

Dass sie nach Italien ziehen wollte, verstand die alte Frau nicht.
Hast du keine Angst vor … ? Sie sagte zuerst – nostalgia di casa, dann – Heimweh.

Heimweh? Nein. Eher nostalgia di lontano, antwortete Leora auf gestammeltem Italienisch. – Fernweh.
Es plagte sie schon seit Monaten. Endlich war sie unterwegs.

– Unter Fernweh kann ich mir nix vorstellen, sagte die Frau. – Nur Heimweh, das ist eine ganz schlimme Krankheit der Seele.

– Fernweh hat man, wenn man weit weg möchte, erklärte Leora. – Die Freiheit spüren.

– Ach was! Sie fuchtelte mit den Händen. – Warum gehst du weg aus so einem guten Land? Man verdient gut, keine Korruption, alles ordentlich.

– Zu ordentlich, sagte sie. – Und in Deutschland gibt es auch Korruption.

Die Frau neigte den Kopf und sagte: – Andere Länder, andere Sitten. Wir haben Heimweh, ihr habt Fernweh. Dabei schlug sie Leora kumpelhaft auf die Schenkel. – L’Italia è la più bella, was?

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