
aus Lisei Luftvogel, Anti
Nach meinen Fragen über die Hölle brachte mich Dora in die Kirche am Stoppenberger Markt. Sie wollte mich über einige Dinge aufklären. Dort war es dunkel und roch komisch. Dora zeigte mir die schönen bunten Fenster, doch mein Blick blieb an dem knochigen Mann am Kreuz hängen. Er war bis auf die Unterhose nackt. „Ist das Jesus?“, fragte ich. Dora legte den Finger auf den Mund und nickte. Warum sie flüsterte, verstand ich nicht. Niemand schlief. Dora schlich tiefer in die Kirche hinein.
„Lass uns lieber wieder gehen“, sagte ich.
„Warte noch ein bisschen“, sagte Dora.
„Es ist hier aber gruselig.“
„Ach was, in die Geisterbahn gehst du doch auch. Reiß dich zusammen. Schaffst du das?“
„Ja.“
Eine alte Frau betrat die Kirche, hielt ihre Finger in einen großen Steintopf am Eingang und machte eine seltsame Bewegung. „Was macht die Frau?“
„Sie bekreuzigt sich.“
„Warum?“
„Das macht man hier so.“
„Du hast es aber nicht getan.“
„Nein.“
„Jetzt will ich wirklich gehen.“ Ich zog Dora am Ärmel.
„Jesus war Jude“, sagte Dora, als wir zum Auto gingen.
„Ist er deswegen am Kreuz?“
„Nein, er war ein Revolutionär.“
„Wie die Teufel?“
Dora lachte. „Vielleicht.“
„Kommt Aljoschas Vater auch ans Kreuz?“
Dora schüttelte den Kopf.
„Nein. Das wird schon lange nicht mehr so gemacht. Das war bei den Römern vor 2000 Jahren. Aljoschas Vater sitzt bloß im Gefängnis.“
Ich atmete auf. Trotzdem ließ es einen bitteren Beigeschmack in mir zurück. Das „bloß im Gefängnis“ war sicher nicht so harmlos, wie Dora es mir weismachen wollte. Ich wusste, dass sie mir Dinge vorenthielt, weil ich noch ein Kind war. Je älter ich wurde, desto mehr erzählte sie mir, aber nie alles.
Dieter erzählte mir von seiner Kindheit. Er wurde gezwungen, in die Kirche zu gehen. Die Kirche und die Schule waren früher sehr gefährlich. Der Lehrer schlug Dieter mit dem Stock auf die Hände. Das gehörte damals zur Erziehung. Auch seine Mutter, unsere Oma schlug ihn. Der Priester machte ihm Angst mit der Hölle. Dieter sagte, der Priester drohte mit der Hölle, damit er Geld bekam. Wenn man bezahlte, kam man nicht in die Hölle. Verbrecher, sagte Dieter. Sich einen Platz im Paradies zu kaufen, sei nicht möglich.
An einem Sonntag bestand Dora darauf, mit mir in den Gottesdienst zu gehen, den viele meiner Klassenkameraden besuchten. Damit ich sie besser verstehe, meinte Dora. Jo wollte mit. Dora sagte, es sei nur was für Große. Das überzeugte mich. Dora hatte als Kind gerne in der Kirche gesungen, außerdem wurde dort Orgel gespielt. „Hättest du deine Geschichten nicht später erzählen können“, zischte sie Dieter an. Mit gemischten Gefühlen folgte ich Dora zum Gottesdienst an der Kirche am Katernberger Bahnhof. Auch hier roch es komisch und wieder hing dort so ein leidender Jesus. Warum mussten in den Kirchen solche leidenden Skulpturen hängen, fragte ich mich. Sicher hatte Dieter recht. Wieder legte Dora den Finger auf den Mund. Ich beobachtete, wie die Leute Zeichen vor sich hinfuchtelten, als sie die Kirche betraten. Nur Dora machte das nicht. Vorne stand ein schwarz gekleideter Mann am Pult. „Ist das ein Zauberer?“, fragte ich Dora. „Ein Priester“, flüsterte sie. Mir war kalt, die Bank war hart und die Rede des Schwarzgekleideten todlangweilig. Dann sah ich Mark. Er stellte sich neben den schwarzen Mann. Ich winkte ihm. Dora legte eine Hand auf mein Bein. „Er kann dir jetzt nicht antworten.“ Mark sah eigenartig aus. Der Priester sprach vom Leib Christi. Vielleicht hatte er Mark verzaubert.
„Was ist ein Leib?“
„Ein Körper“, flüsterte Dora.
Ein anderer Junge brachte dem Priester eine Schale. Wahrscheinlich mit dem Körper von Christi. Der Priester nahm die Schale an sich.
„Warum essen die Menschen Christi?“, fragte ich.
Dora lachte leise. „Das ist nur Esspapier. Jesus ist schon lange tot.“
„Dann ist der Mann da vorne ein Lügner?“ Jemand drehte sich zu uns um.
„Sei leise“, flüsterte Dora.
Mark bekam Esspapier von dem Mann in Schwarz auf die Zunge gelegt. Es war nicht der Körper von Christi.
„Lass uns gehen Dora, ich will hier nicht mehr sein.“
Draußen vor der Tür strich mir Dora über die Haare. Die Sonne schien mir ins Gesicht. In den Bäumen raschelte leicht der Wind. „Komm, wir gehen ein Eis essen,“ sagte Dora und nahm meine Hand. Wir liefen unter der Eisenbahnunterführung durch zum Katernberger Markt.
„Dora?“
„Ja.“
„Ich möchte nie mehr in die Kirche.“
„Manchmal gibt es Dinge, die man aushalten muss“, sagte sie.
„In die Kirche will ich aber nicht mehr.“
Ich träumte, wie das Esspapier aus getrockneten Jesuskörpern hergestellt wurde. Erst waren es Menschen, dann wurde ihre Haut so trocken, dass sie braun wurde. Die getrockneten Jesuskörper wurden an Kreuze gehängt und in Kirchen gebracht. Nachdem sie lange genug dort gehangen hatten, wurden sie von schwarz gekleideten Zauberern abgenommen. Sie schnitten sie in dünne Scheiben mit einer Maschine, wie sie der Metzger für die Wurst benutzte. Ein Zauberer verlangte von mir, den getrockneten Jesus zu essen. Ich schrie. Dieter rettete mich. Ich hörte seine Stimme über mir. Er rüttelte mich wach. Das Esspapier an der Bude kaufte ich nicht mehr.