WIR

WIR, so fing mein Lesekurs an. Das erste Wort. Wir sei wichtiger als ich, erklärte mir Dora. Drei magische Zeichen. Den Papierbogen mit den großen in Schreibschrift geschriebenen Buchstaben zeichnete ich mit dem Finger nach. W I R stand für das Leben in der Gemeinschaft. Wir, das war nicht nur unsere Familie, es waren auch die Kinder aus der Gruppe Drei, die Studenten, die Freunde. Alle Menschen, mit denen wir in Beziehung gerieten. Das Wir war solidarisch. Ein mächtiges Wort. Wir als Gruppewaren stark, ich als einzelne verloren. Ich malte mit meinen Filzstiften das Wir-Gefühl, meinen Bruder Jo, Aljoscha und Nicole, andere Kinder aus der Gruppe drei, die Mitarbeiterinnen, Dora und Dieter, ihre Freunde, Kommilitonen aus der Uni, den Mann von der Pommesbude, die Frau von der Kasse bei Plus, den Getränke- und Zeitungshändler mit der dicken Hornbrille.

Der Kurzroman „Anti“ erscheint am ersten Mai bei Tredition.

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    Anti, Roman

    Bald wird mein erster Roman erscheinen. Er spielt im Ruhrgebiet der siebziger Jahre, genauer gesagt in Katernberg. Wollt ihr mit auf Majas Abenteuer gehen? Dann macht Euch bereit.

    „We don’t need no education. We don’t need no thought control. No dark sarcasm in the classroom. Teacher, leave them kids alone.“ (Pink Floyd)

    • Auflage: 1
    • ISBN: 978-3-347-87791-7
    • Veröffentlichungsdatum: 01.05.2023
    • Von Lisei Luftvogel
    • Sprache: Deutsch
    • Buchtyp: Hardcover
    • Seiten: 120

    Ruhrgebiet, siebziger Jahre. Anti ist ein wichtiges Wort für die Ich-Erzählerin Maja, Anti wie antiautoritär, wie Anti-Atomkraft oder wie Antifaschisten. Der Roman handelt von ihrer Kindheit. Sie erlebt eine Welt voller Widersprüche, Schikanen und zu überwindender Hürden: Mobbing in der Schule und auf der Straße, das Fortleben von Krieg und Faschismus in Zeitungen und aufgeschnappten Gesprächsfetzen. Auf der anderen Seite der alternative Lebensentwurf ihrer Eltern Dora und Dieter, die gegen patriarchale Gesellschaftsstrukturen aufbegehren und in einer offenen Beziehung leben, mal getrennt und mal zusammen. Maja identifiziert sich mit diesem nonkonformistischen Modell und verteidigt ihre Ansichten gegen die herrschende Meinung, gegen ihre Lehrerin und gegen die anderen Kinder und Erwachsenen. Sie leidet aber auch unter dem Außenseiterdasein und erlebt es als Gewalt. Dieselbe Gewalt, die auch die Gastarbeiterkinder ertragen müssen.

    Die Erzählung setzt ein, als Dora vor kurzem mit Majas kleinem Bruder Jo in eine Kommune nach Bochum gezogen ist. Zuhause in der Sozialwohnung ist Maja mit Dieter zurückgeblieben. Der antiautoritäre Kinderhort ist Majas zweites Zuhause und besonders im Villenviertel so verrufen wie eine Banditenkneipe. Im Hort „drucken“ die Kinder ihr Geld selbst und imitieren eine Zentralbank. Dabei parodieren sie den Kapitalismus, ohne es zu verstehen oder auch nur zu beabsichtigen.

    Als die Gewalt auf der Straße unerträglich wird, beschließen Maja und Aljoscha, dass sie sich wehren müssen. Sie fassen einen Plan und führen ihn gegen die Widerstände der Erwachsenen durch.

    Weihnachten?

    Ein Denkstein, zu all dem Wahnsinn unserer Tage, während Corona, verstärkt wahrgenommen. Weihnachten. Nie hätte ich mir vorgestellt, mich hinzusetzten und über diese Zeit zu reflektieren. Was bedeutet Weihnachten? Was ist das für ein Fest? Es wird die Geburt des Messias, des Gesalbten oder auf Griechisch Christos Χριστός gefeiert.

    Aber wer war dieser Gesalbte? Jeshua oder Jeshu, Aramäisch ישוע, Griechisch Ἰησοῦς war ein Wanderprediger, der im Jahr 30 oder 31 in Jerusalem gekreuzigt worden ist. Ich würde sagen, seine Theorien waren revolutionär.Er verkündete ein Reich der Liebe und der Gemeinschaft, in dem die Armen, Kranken und Schwachen von allen mitgetragen wurden. Jeshu und seine Brüder und Schwestern lebten einfach und bescheiden.

    Eine bekannte Szene am Eingang des Tempels, in der er rief: ‚Schafft das weg von hier! Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Kaufhause!‘“

    „[…] weil das Osterfest der Juden nahe bevorstand, zog Jesus nach Jerusalem hinauf. Er fand dort im Tempel die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler sitzen. Da flocht er sich eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle samt ihren Schafen und Rindern aus dem Tempel hinaus, verschüttete den Wechslern das Geld und stieß ihre Tische um und rief den Taubenhändlern zu: ‚Schafft das weg von hier! Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Kaufhause!‘“ Die Heilsbotschaft nach Johannes‘ 2,13–16.

    Frohes Fest.

    Ende der Sperrzone. Der Tag nach Tag 68

    Heute hat wirklich die Phase zwei angefangen. So wird es erzählt, in den Medien. Zweimal schon sollten wir in der Phase zwei sein. Nun sei es die Richtige. Wir dürfen wieder raus ohne eine Genehmigung auszufüllen und ohne kontrolliert zu werden. Mindestens innerhalb der Region. Das hunderprozentige Ende wird erst am 3. Juni sein, wenn alles gut geht. Aber ich habe mich dazu entschieden, diesen Tag als das Ende anzusehen. Gleich werde ich in die Bar um die Ecke gehen, die heute erstmals aufmacht. Heute Abend werde ich in unserer Stammpizzeria essen. Diese Woche werde ich ans Meer fahren und baden. Die Arbeit kann ich nächste Woche beginnen. Wer in mein Studio kommt, ist noch rätselhaft. Fast niemand antwortet. Es wird wirtschaftlich hart werden. Ich habe sämtliche unötige Dinge aus meinem Studio geräumt und werde alles durchsanieren. Auch zwei, drei, vielleicht fünf Leute, die sich in mein Studio trauen, werden eine Errungenschaft sein.

    Sperrzone Tag 56

    Die Freiheit sich mit dem Fahrrad oder zu Fuß in der ganzen Provinz bewegen zu können ist größer als ich gedacht hatte. Noch am 3. Mai, den Tag vor dem Ende der fast totalen Ausgangssperre, gab es großes Durcheinander mit den Gesetzten des Staates, der Region, der Provinz, die eigentlich seit ein paar Jahren abbeschafft ist, und der Stadt. All diese haben verschiedene sich wiedersprechende Gesetze herrausgegeben. Es wurde diskutiert, wer mehr Recht hat, die Stadt oder der Staat. In Ferrara herrscht seit wenigen Monaten die Lega. Die Region Emilia-Romagna hat bestimmt, alle Parks zu öffnen, aber sie hat die Bewegungsfreiheit auf die Provinzen beschränkt. Die italienische Regierung hat bestimmt, dass die Bewegungsfreiheit innerhalb der Regionen sei. Werbungen über schöne Bergwanderungen in den Appeneninen wurden herrausgegeben. Doch dann erfuhren wir, dass wir wirklich nicht aus der Provinz herrausdürfen. Hier gibt es keine Berge, nur Meer. Dort darf man aber auch nicht hin, hat die Region beschlossen. Im Auto darf man nur allein fahren. Kurz und gut. Am Ende ist es besser, sich nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewegen, dort soll man wohl kaum mehr kontrolliert werden. Aber die Stadt Ferrara, die Lega Regierung, hat die Parks geschlossen gehalten. Warum wohl, um der Region, die von der PD regiert ist, zu trotzen? Gestern ist der Stellvertretende Bürgermeister mit einem Lastwagen durch die Straßen gefahren und hat Stampfmusik über Lautsprecher verbreitet. Später hat er mit seinen Kumpanen eine Gartenparty veranstaltet. Tolles Beispiel. Feste sind hier verboten.

    Aber nun zum schönen Teil. Das Gefühl wieder raus zu dürfen war herrlich. Die Leute durchbrachen die Grenzabsperrungen an den Parks und liefen einfach hinein. Alte, junge, Familien, alle. Heute habe ich meinen ersten Kaffee in einer Bar getrunken, auch das war ein Glücksgefühl. Den Kaffee musste man mit raus nehmen, also to go. Ich habe ihn auf meinem Fahrrad getrunken. Der erste Kaffee nach der Absperrung.

    Wann ich wieder arbeiten kann, weiß ich nicht. Der Staat hat uns Selbstständigen einmalig 600 Euro gegeben, ob mehr kommt, weiß niemand so recht. Vielleicht ein zweiter Schub. Die Schulen sollen im September geöffnet werden. Nun werde ich erst mal viel Fahrrad fahren.

    Sperrzone Tag 53

    Man braucht wirklich viel Ruhe, innerliche Ruhe. Manchmal würde ich am liebsten mit dem Kopf gegen die Wand rennen, oder raus auf die Straße und ganz laut schreien. Dann sage ich mir immer, bleib ruhig. Ruhig. Denk nicht an das Ende. Schritt für Schritt, denk ans Jetzt. Denk daran, ruhig zu bleiben und dich nicht zu viel zu ärgern. Sonst würde ich schreien. Draußen am Po, so sieht man im Fernsehen, kontrolliert Militär und Polizei mit Dronen nach Menschen, die dort vielleicht grillen. Niemand ist dort. Immer wieder zeigen sie Szenen vom Strand in der Romagna, wo es Einzelne bis ans Wasser wagen. Doch mit Drohnen, Hubschraubern und Range Rovers werden alle Einzelgänger aufgefunden. Sie werden gejagt wie Verbrecher. Am Montag dürfen wir raus. Aber nicht an den Strand. Die Parks sind hier weiter geschlossen. Außer zwei winzigen mit verschließbaren Eingängen. Die Stadtmauer bleibt geschlossen und auch unser großer Stadtpark. Ich werde an den Po fahren, mit dem Fahrrad. Man darf nur allein raus. Mit dem Auto darf man nur Einkaufen oder zum Arzt. Es wird sich nicht viel ändern. Aber wir dürfen raus, alleine, nicht zu zweit. Es wird weiter kontrolliert und wir müssen weiter eine Autocertificazione mit uns herumragen. Die Strafen scheinen ein Sport der Polizei geworden zu sein. Überall, wo die Gesetze interpretiebar sind, und das ist an vielen Stellen so, da wirds gefährlich. Ich hoffe, sie werden bald diese verdammten Kontrollen abschaffen und auch die Autocertificazione.

    Sperrzone Tag 48

    Es geht wieder den Bach runter. Gestern Nacht hat Conte die neuen Regeln durchgegeben. Für den vierten Mai. Für die Phase zwei. Eigentlich dachte ich, seien wir schon in der Phase zwei, jetzt höre ich die Phase zwei fängt am vierten Mai an, aber eigentlich sei es nur eine Phase anderthalb, sagen die Journalisten.

    Wut. Unruhe. Unzufriedenheit. Gestern Mittag wurde von Bewegungsfreiheit und von der Öffnung der Region gesprochen. Dann sagte der Minister von Emilia Romagna, dass man aber noch nicht ans Meer dürfe. Also fahren wir in die Berge, dachte ich mir. Einen schönen langen Spaziergang auf der Via degli Dei oder der Via Francigena. Nein.

    Heute morgen erfahre ich durch die Posts vieler wütender Freunde, dass wir immer noch nicht raus dürfen. Nur eine kleine Freiheit ist uns gegeben: wir dürfen uns außerhalb der 200 Meter, der 500 Meter bewegen. Vielleicht. VIELLEICHT öffnen sie die Stadtmauer. Die einzige Freiheit. Ein kleiner Trost. Wir dürfen immer noch nicht zu zweit raus, müssen weiter so tun, als würden wir uns nicht kennen. Und wir dürfen nur Verwandte treffen. Ich habe keinen Verwandten, auch mein Mann nicht. Nur eine alte Tante, die er lieber nicht besuchen geht. Warum dürfen wir uns nicht selbst aussuchen, wen wir sehen wollen. Die unverheirateten Paare, die nicht zusammen wohnen, sind außer sich. Auch sie dürfen sich nicht treffen. Die Schwulen- und Lesbengruppen rufen zum Bruch der Regeln auf, wenn sie nicht geändert werden sollten. Wir wollen keine KKK Kinder Küche Kirche. Wenn die Parks geöffnet werden, darf man nur laufen, nicht spielen. Und die Kinder. Sollen sie bis September eingesperrt bleiben, bis Schulen und Kindergärten aufgemacht werden. Die Leute ärgern sich, aber ducken sich weiter. Wer weiß wie lange noch. Oder werden die Regeln angepasst? Zu viele Regeln in Italien, sagt man. Die vielen Regeln leiten dazu an, sie zu durchbrechen. Weitere Strafzettel und weitere Kontrollen in Sicht. Wie lange noch?

    Sperrzone Tag 47

    REVOLUTION. So könnte man diesen Tag nennen, auch wenn es eigentlich eine lächerliche Revolution ist. Das Befreiungsgefühl ist umso größer. Heute waren wir, mein Mann und ich, wieder an der Stadtmauer. Wir müssen immer noch so tun, als würden wir uns nicht kennen. Denn man darf nur alleine raus. Immer noch weiß niemand, wie weit man gehen darf. In der angrenzenden Region Veneto waren es 200 Meter, aber die sind aufgehoben worden. In Ferrara ist nie eine genaue Angabe gemacht worden. Die Leute glauben, sie GLAUBEN, es seien 200 Meter. Warum, verstehe ich nicht. Da es im Friuli 500 Meter sind und in Turin 1000 Meter. Der Glaube hat keine Logik. Immer das Kleinste nehmen. Die Polizei macht schon bei 350 Metern Strafzettel. Ich laufe meine 500 Meter. Warscheinlich viele andere auch. Aber nun kommt die Revolution: auf dem Weg unter der Stadtmauer bleiben die Leute stehen, und reden miteinander, alle in 10 Meter Abstand. Plötzlich läuft niemand mehr, es sieht aus, wie eine menschliche Reihe, in der sich jeder mit jedem in der Nähe unterhält. Eine Bekannte meines Mannes, eine Lehrerin in Rente, ist vor ein paar Tagen von den Militärs für zwanzig Minuten festgehalten worden, mit vier anderen, erzählt sie. Sie mussten eine Autocertificazione ausfüllen, in der sie bestätigen sollten, in der Nähe zu wohnen. Ich erinnere mich an den Morgen. Ich hatte den Militärlaster gesehen und mich gewundert, warum dort so viele Leute standen. Ich bin lieber in die entgegenliegende Richtung gelaufen. Später hatten sie mich trotzdem aufgehalten und mich gefragt, wo ich wohnte. Sie hatten mich gleich gehen lassen. Diese Peinigungen machen mich wütend. Die Leute sind an der Grenze des Aushaltbaren angelangt. Mein Mann und ich gehen weiter. Später treffen wir die Lehrin auf einem Stein, sie macht eine Pause. Auf zwei andere Steinen sitzten zwei andere ältere Frauen und reden. Ein vierter chick gekleidedeter Herr gesellt sich zu ihnen. Die Revolution. Dann hören wir einen Hubschrauber über uns.

    Sperrzone Tag 45

    Heute fühlt sich das Leben ein bisschen besser an. Vielleicht nur ein Schein. Es ist heiß draußen, fast ein Frühsommertag, Ende April. Es regnet nie. Am Morgen treffe ich mich mit anderen Feldenkraislehrern und wir machen zusammen eine Lektion. Ich atme besser. Danach fahre ich einkaufen, mit dem Auto. Auf dem Weg denke ich mir, wie es sich wohl anfühlen wird, wenn wir wieder aus der Stadtgrenze herausfahren dürfen. Ich stelle mir den Fluss Po vor, sieben Kilometer entfernt, oder Bondeno, der Ort, in dem ich bis zum Erdbeben 2012 gelebt habe. Bondeno liegt 20 Kilometer entfernt. Mehr will ich mir nicht vorstellen. Es reicht mir, um eine Vorfreude zu spüren. Vielleicht werden am 4.Mai die Parks geöffnet. Ob man aus der Stadt herraus darf ist noch nicht klar. Vielleicht. Aus der Provinz, wahrscheinlich nicht. Die Provinz Ferrara hat sogar Meer. Das Meer… il mare… Ich möchte auch die Delphine sehen, die immer wieder gefilmt werden, bevor wieder alles verschmutzt wird.

    Wenn es möglich wäre innerhalb der Region zu reisen, könnte ich sogar in die Appeninen fahren. Im Wald wandern. La via degli dei. Der Götterpfad von Bologna nach Florenz. Auf der Spitze umkehren. Es ist warm draußen.

    Sperrzone Tag 42

    Es wird immer härter. Polizei und Militär gehen über ihre Grenzen. Sie bestimmen willkürlich, wen sie bestrafen. Jeden Tag sind es 10-15.000 pro Tag, denen 400 Euro Bussgeld aufgebrummt werden. Man darf sich nur in der Nähe der Wohnung bewegen. Jetzt darf man zwar „spazieren“ dazu sagen, aber nirgends in den staatlichen Anordnungen steht, was genau in der Nähe der Wohnung ist? In Venetien wurden 200 m angegeben, in Turin 1000 m, in einem Ort hier in der Nähe von Ferrara 500 m. Doch die Polizei oder das Militär bestrafen schon willkürlich Leute ab 200 Metern, auch wenn in Ferrara nie eine Angabe der Entfernung gemacht wurde. Ich lese von einem verängstigten alten Mann, der mit seinem Hund 350 Meter von seiner Wohnung entfernt, in einem Pinienwald gefasst worden ist, von einem anderen, 500 Meter von zu Hause, auf einem Feld erwischt, umzingelt wie ein Verbrecher, oder einer Frau, die auf einer uneingezäunten Wiese stand, was auch verboten ist. Man liest von gefangenen einsamen Joggern am Strand, von Leuten, die mit Dronen auf Feldern erwischt werden. Das Militär fährt tagtäglich bei uns durch die Straßen, um auf die nächsten Opfer zu lauern. Wenn sie wollen, fahren sie langsam an einem vorbei, um Angst einzuflößen. Mancher wird auch bestraft, wenn er zu wenig einkauft, oder wenn man zu zweit im Auto sitzt, obwohl es laut der staatlichen Anordnungen erlaubt ist. Immer mehr Leute klagen über diese Willkür, aber der Polizei wird kein Einhalt geboten. Die unklaren Regeln lassen diesen Freiraum offen. Vielleicht wird es für all die ungerechten Strafen eine Amnestie geben. Trotzdem ist es unangenehm tagtäglich seine halbe Stunde Ausgang mit diesem Gefühl der Bewachung zu verbinden. Der Spaziergang soll den Stress lindern, aber die Überwachung ist auch unötiger Stress. Vielleicht werden am 4. Mai die Ausgangsperren herabgesetzt, aber in welchen Maßen, weiß niemand. Es kann auch sein, dass wir noch weitere zwei Wochen warten werden müssen. Vielleicht dürfen wir dann einen Kilometer vor die Haustür, und nur mit App? Wird die App Plicht sein oder freiwillig. Wer keine App benutzt, darf nicht raus, wird gemunkelt. Was für eine Freiwilligkeit ist das, frage ich mich. Oder ist das nur wieder so ein Gerücht? Ein anderes Gerücht, was mich besonders wütend macht, man dürfe diesen Sommer nur in Lidos, in denen man Eintritt bezahlt und nicht an die freien Strände. Wird uns verboten werden, in die Wildnis zu gehen? Ein Absurdum, da dort wo niemand ist, auch keine Viren sind, sicher viel weniger als in diesen Lidos mit Bezahlung, in die ich noch nie gegangen bin. Ich hoffe, es werden Gerüchte sein. Dieser Staat fühlt sich im Moment an wie 1984, the big brother is watching you.