Sperrzone Tag 8

Mein Handy ist runtergefallen und ich habe einen Reparturdienst gefunden, wo ich vorbeifahren kann, mit dem Fahrrad, um 11. Ich soll an den Rolladen klopfen. Ich will auch an der Hauptpost vorbeifahren, um zu erfahren, wie ich an das gerichtliche Einschreiben kommen kann, da die Post in meinen Viertel geschlossen hat.

Auf der Haupteinkaufstraße sind so viele Leute unterwegs, dass es schwierig ist, Abstand zu halten, ein wahrer Slalom. Ein alter Mann sitzt auf einer Treppe und liest Zeitung. Eine alte Frau gestützt von ihrer Pflegerin schlürft zum Zeitungshändler. Auf den Steinlöwen am Dom sitzten afrikanische Fahradkuriere in der Pause und essen Brote. Ich gebe mein Handy beim Reparierdienst ab und fahre wieder zurück. Wieder im Slalom durch die Einkaufsstraße. Am Hauptplatz vor dem Dom fahren Reinigungsfarzeuge und versprühen eine übelriechende Substanz. Ich umfahre den Platz.

An der Post steht eine Schlange bis auf die Straße. Ich reihe mich ein. Ich habe eine gute Stunde Zeit.Die Leute schauen sich misstrauisch an, sie sprechen nicht miteinander. Normalerweise wären in so einer Situation eine große Disskussion ausgebrochen. Eine Postangestellte kommt heraus. Ich schreie ihr zu: „un informazione, prego.“ Ich erfahre von ihr, dass mein Eischreiben in der geschlossenen Post liegt, und dass ich es erst bekomme, wenn die Corona-Krise vorbei ist. „Warum werden dann überhaupt noch Einschreiben verschickt?“, frage ich die Postangestellte, „wenn man gar nicht an sie rankommt?“ Die Frau zuckt mit den Schultern. Ich fahre nach Hause.

Als ich anderthalb Stunden später wieder beim Reparaturdienst bin, merke ich, dass ich Geld und Papiere zu Hause gelassen habe. Der Mann gibt mir trotzdem das Handy. Ich soll ihm das Geld am Nachmittag bringen. Es ist mir nicht geheuer, ohne Papiere durch die Stadt zu fahren. Nur meine selbstgeschriebene Genehmigung habe ich in der Tasche. Ich fahre schneller.

In den Nachrichten erfahre ich, dass ab morgen niemand mehr Laufen oder Fahrradfahren darf, außer vor der Haustür. Ich will das letzte Mal die Natur draußen sehen und sie mir genau einprägen. Mein Mann und ich fahren auf die Felder hinaus.

Wie Kinder streunen wir über die Schütthügel, über die Gras gewachsen war. Wir entdecken einen kleinen Trampelpfad und laufen den Hügel hinauf, zwischen wilden Pflanzen hindurch. Fast wie in der Toskana, denke ich. Von oben blicken wir über die Ebene, die Felder und die Chemiefabrik in der Ferne. Kein Mensch ist zu sehen. Wir genießen die Stille. Die Vögel singen und unten an dem kleinen Kanal quaken Frösche. Ein warmer Frühlingstag. Wir setzen uns ins Gras. Hier sieht uns keiner. Niemand kann uns hier bestrafen.

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