Ich habe Kopfschmerzen. Ab heute darf man nur noch um den Häuserblock laufen. Wie immer seit der Corona-Krise bin ich schon viel früher wach. Ich sitze im Bett, frühstücke und lese die schlimmen Nachrichten aus aller Welt, die Zeitung vom gestern. In Syrien scheinen erste Coronafälle aufgetaucht zu sein. Sie werden versteckt. Was wird aus Afrika? Und Lateinamerika? Mit den Migranten, die immer noch an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland festsitzen, oder im Lager Moria in Lesbos?
Ich kontrolliere auf google Maps, wie weit ich laufen darf. Zum Glück ist die Stadtmauer in der Nähe. Auf die Stadtmauer kommt man zwar nicht mehr, aber von unten sieht man die Bäume.
Wie ein eingesperrter Tiger laufe ich mehrere Male neben der Stadtmauer hin und her, nach meinen getesten Entfernungen auf google Maps. Leute stehen auf dem Balkon. Ich habe das Gefühl ihre entrüsteten Blicke im Rücken zu spüren.
Ich fühle mich nicht gut. Mir ist kalt. Ich habe Schüttelfrost. Wieder Hypochondrie? Ich messe Fieber. 36.9, trotzdem nehme ich Paracetamol. Aus psychologischen Gründen. Italien hat aus der staatlichen Kasse für soziale Vorsorge den Selbständigen 600 Euro zugeteilt. Es soll bald einen Klick-Tag geben, an dem das Geld beantragt werden kann, aber es wird gemunkelt, das Geld würde nicht für alle reichen. Ich gehe auf die Internet-Seite der Vorsorge-Kasse und erfahre, dass ich nur Geld beantragen kann, wenn ich eine Pin-Nummer für soziale Leistungen beantragt habe. Ich habe in den zwanzig Jahren, in denen ich in Italien arbeite, noch nie Krankengeld beantragt und ich werde nicht die Einzige sein, der es so geht. Um überhaupt online mit dem Amt in Kontakt zu treten, brauche ich einen Spid, eine digitale Erkennung. Um einen Spid zu bekommen, muss ich 20 Euro bezahlen. Ich verbringe den ganzen Nachmittag zwischen Bergen von Papieren, die ich zum Glück alle in einer Kiste aufbewahrt habe, zwischen Pin-Nummern, Handy und Computer Erkennungen, weiteren Nummern, Otp, Pim Pum Pam…. Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Eine Erkennung über Webcam läuft schief, da zu viele Menschen gleichzeitig in der Wartschlange sitzen. Nach weiteren anderthalb Stunden Warteschlange vor der Webcam gebe ich auf. Ich will es am nächsten Tag versuchen. Es ist fast 20 Uhr.
Ich messe Fieber. 37.1, oh je. Wieder hyperchondrische Ängste. Nach dem Abendessen bin ich so müde, dass ich auf dem Sofa einschlafe.
Naja 39,6 würde ich nicht als Hypochondrie sehen
36,9 nicht 39,6 Xeniana